* 46 *

46. Das Spital
Ich, Marcellus

Das Spital war ein trostloser Ort, obwohl die Menschen, die dort arbeiteten, sich nach Kräften bemühten. Es war ein längliches, niedriges Holzhaus, das versteckt unter den Bäumen am Waldrand lag, bedeckt mit Moos und Schimmel, da seit Jahren das Wasser von den Bäumen aufs Dach tropfte und der Nebel vom Burggraben durch die Wände drang. Das Spital wurde nicht oft benutzt, nur wenn Krankheiten ausbrachen, die man für ansteckend hielt, und jetzt waren so viele Burgbewohner krank geworden, dass niemand ein Risiko eingehen wollte.

Marcia und Septimus näherten sich dem Spital auf einem mittlerweile ausgetretenen Pfad am anderen Ufer des Burggrabens. Das Nachmittagslicht verblasste bereits, und sie sahen das Flackern der ersten Kerzen, die in die kleinen Fenster gestellt wurden. Die Tür stand offen, und mit einem beklemmenden Gefühl gingen Marcia und Septimus hinein.

»Septimus! Bist du das? Was willst du denn hier?« Sarah sprang von ihrer Arbeit auf. Sie hatte an einem kleinen Tischchen neben der Tür gesessen, auf dem sie fein zerriebene Blätter in abgemessenen Mengen in kleine Becher gab, die säuberlich aufgereiht vor ihr standen. Sarah hatte das Spital nicht mehr verlassen, seit sie hergekommen war, und um sie nicht zu beunruhigen, hatte ihr Silas nichts von Septimus’ Verschwinden erzählt und einfach auf das Beste gehofft, was sich ausnahmsweise einmal als richtig erwiesen hatte.

Sarah musterte ihren jüngsten Sohn. »Was hast du denn mit deinem Haar gemacht?«, fragte sie. »Das sieht ja schrecklich aus. Also wirklich, Marcia, ich weiß, er kommt in dieses schwierige Alter, aber Sie sollten doch darauf dachten, dass er sich von Zeit zu Zeit mal die Haare kämmt.«

»Wir sind nicht gekommen, um über die Frisur Ihres Sohnes zu sprechen, Sarah«, sagte Marcia, die erleichtert zur Kenntnis nahm, dass Sarah offensichtlich nicht wusste, was geschehen war. »Wir kommen in einer dringenden Angelegenheit.«

Sarah schenkte der Außergewöhnlichen Zauberin keine Beachtung. Sie hatte kein Auge von Septimus gewendet und runzelte nun verwirrt die Stirn. »Du ... du siehst so verändert aus, Septimus. Bist du krank gewesen? Hast du mir irgendetwas verheimlicht?« Sie begann, Verdacht zu schöpfen.

»Nein, nein«, sagte Marcia, viel zu schnell.

»Mir geht es gut, Mum«, sagte Septimus. »Wirklich gut. Ich habe ein Mittel gegen die Seuche hergestellt.«

Sarah sah ihren Sohn zärtlich an. »Das ist sehr lieb von dir, mein Schatz«, sagte sie. »Aber das haben schon viele Leute probiert, und herausgekommen ist dabei nichts. Nichts scheint zu wirken.«

»Aber das hier wird wirken, Mum – ich weiß es.«

»Ach, Septimus«, sagte Sarah sanft, »ich weiß, wie besorgt du wegen Beetle sein musst. Ich weiß, wie sehr du ihn gemocht hast und ...«

»Gemocht hast?«, fragte Septimus erschrocken. »Was meinst du mit gemocht hast? Ich mag Beetle immer noch – sehr. Er ... er ist doch in Ordnung, nicht?«

Sarah blickte ernst. »Es geht ihm nicht gut, Septimus. Er ... oh, wie furchtbar! Er ist sehr krank, und wir haben nicht mehr viel Hoffnung. Möchtest du ihn sehen?«

Septimus nickte. Er und Marcia folgten Sarah durch eine Schwingtür in die Krankenabteilung, einen länglichen Saal, der das ganze Gebäude einnahm. Auf beiden Seiten reihten sich schmale Betten. Sie standen dicht gedrängt, und jedes einzelne war belegt. Die Gestalten, die darin lagen, waren totenbleich. Manche hatten die Augen geschlossen, andere stierten reglos an die Decke, ohne etwas zu sehen. Der Raum war still und voller Spätnachmittagsschatten, die ein junger Helfer vertrieb, der mit einem Tablett herumging und in jedes Fenster eine Kerze stellte, um die Nacht noch etwas länger in Schach zu halten, und mit ihr umherstreifende Waldbewohner. Septimus fand es seltsam, dass es so still war, obwohl hier so viele Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht waren. Das einzige Geräusch, dass er hören konnte, war das gelegentliche metallische Ping, wenn ein Wassertropfen den Weg durch die verrotteten Dachschindeln gefunden hatte und in einen der Blecheimer fiel, die an strategischen Punkten aufgestellt waren.

»Beetle liegt hier drüben«, flüsterte Sarah, legte ihrem Sohn die Hand auf die Schulter und bugsierte ihn zu einem nahen Bett. »Er liegt hier an der Tür, damit wir ein Auge auf ihn haben können.«

Hätte Sarah Septimus nicht geführt, hätte er seinen besten Freund wohl nie gefunden. Das Einzige, was er wiedererkannte, war Beetles dichter schwarzer Haarschopf, den seine Mutter, die gerade erst gegangen war, liebevoll gekämmt hatte, und zwar auf eine ganze bestimmte Art, die Beetle überhaupt nicht leiden konnte, wie Septimus wusste. Der übrige Beetle war ein bleicher Hänfling, der mit großen, stieren Augen ins Leere blickte.

Sarah warf Septimus einen sorgenvollen Blick zu. »Es tut mir leid, mein Schatz«, sagte sie. »Möchtest du dich eine Weile zu ihm setzen? Seine Mutter wird bald mit seinem Vater wiederkommen, aber bis dahin bleibt dir noch etwas Zeit.« Sarah holte einen zusätzlichen Stuhl für Marcia, und die beiden Besucher setzten sich an Beetles Bett. »Ich muss wieder an die Arbeit«, sagte Sarah. »In ein paar Minuten schaue ich wieder vorbei.«

Plötzlich bekam Septimus schreckliche Angst. Was, wenn sein Mittel nicht wirkte? Er blickte nervös zu Marcia, doch die flüsterte ihm zu: »Es wirkt bestimmt, Septimus. Du musst nur daran glauben.«

»Heilkunst ist keine Magie«, sagte Septimus freudlos. »Es spielt keine Rolle, ob man an den Erfolg glaubt oder nicht. Entweder es klappt oder es klappt nicht.«

»Das möchte ich energisch bezweifeln«, erwiderte Marcia. »Ein Quäntchen Glaube hilft immer. Aber du weißt sowieso, dass es wirkt, nicht wahr?«

Septimus nickte und stellte die Flasche auf den wackeligen kleinen Nachttisch neben dem Bett. Er nahm eine Pipette aus der Tasche seiner Lehrlingstracht, saugte eine kleine Menge des Gegenmittels in die Röhre und ließ drei Tropfen der klaren Flüssigkeit in Beetles halb geöffneten Mund fallen. Und dann warteten er und Marcia, auf der Stuhlkante sitzend.

Gerade wurde die letzte Kerze in das Fenster am anderen Ende des Saals gestellt, als Beetle blinzelte. Gleich darauf blinzelte er ein zweites Mal und legte die Stirn in Falten, als frage er sich, wo er sei, und dann setzte er sich plötzlich auf. Er machte große Augen, und die Haare standen ihm zu Berge, wie immer.

»Tag, Sep«, krächzte er.

»Tag, Beetle«, sagte Septimus und lachte. »Tag!«

»Pst...«, machte Sarah von hinten. »Beetles Eltern sind jetzt da, Septimus. Sie möchten eine Weile mit ihm allein sein, bevor er ... na, du weißt schon ... Ach du liebe Zeit!«

»Es wirkt, Mum!«, lachte Septimus. »Meine Mixtur wirkt!«

»Du meinst ... das warst du?«, fragte Sarah ungläubig. Mit all ihrem Wissen über Kräuterheilkunde hatte Sarah unzählige Mittel gegen die Seuche ausprobiert, doch keines hatte auch nur das Geringste bewirkt.

»Wo bin ich?«, fragte Beetle und schaute sich um.

»Im Spital«, antwortete Septimus. »Du bist von der Seuche befallen worden, erinnerst du dich?«

»Nein. Ich erinnere mich an gar nichts. Ich weiß nur noch, dass Prinzessin Jenna uns besucht hat ... Danach erinnere ich mich an nichts mehr. He ... sie war auf der Suche nach dir.«

Septimus lächelte. »Ja, sie hat mich gefunden, Beetle. Aber du wirst nicht glauben, wo sie mich gefunden hat.«

»Wo, Sep?«

»Das erzähle ich dir später, Beetle. Leg dir reichlich Fruchtblubber zu, du wirst ihn brauchen. Da kommt deine Mutter.«

Es war sogar noch etwas von dem Gegenmittel übrig, als Septimus jedem Kranken im Saal drei Tropfen in den Mund geträufelt hatte, und so ließ er die Flasche für den Fall, dass neue Patienten eingeliefert wurden, bei Sarah. Unter dem aufgeregten Geplapper und den Freudenrufen der Angehörigen, die soeben mit der Fähre zum abendlichen Besuch gekommen waren, beschriftete Septimus ein Etikett – wie Marcellus es ihm beigebracht hatte – und klebte es für Sarah auf die Flasche:

Antiseuchenmittel
Dosierung: 3 Tropfen oral
Wenn nicht anders verordnet

»Deine Schrift wird immer schlimmer, Septimus«, bemerkte Sarah, nahm ihrem Sohn stolz die Flasche ab und stellte sie in den Schrank hinter dem Tisch. »Sie sieht aus wie von einem richtigen Physikus.«

Septimus lächelte. In diesem Augenblick fühlte er sich auch wie ein richtiger Physikus.

Septimus Heap 03 - Physic
titlepage.xhtml
Septimus Heap 03 Physic 01_split_000.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_001.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_002.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_003.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_004.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_005.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_006.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_007.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_008.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_009.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_010.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_011.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_012.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_013.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_014.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_015.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_016.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_017.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_018.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_019.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_020.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_021.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_022.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_023.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_024.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_025.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_026.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_027.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_028.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_029.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_030.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_031.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_032.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_033.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_034.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_035.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_036.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_037.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_038.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_039.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_040.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_041.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_042.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_043.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_044.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_045.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_046.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_047.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_048.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_049.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_050.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_051.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_052.html
Septimus Heap 03 Physic 01_split_053.html